Das Gedicht des jungen Beat-Poeten Allen Ginsberg (James Franco) zieht wegen seines freizügigen Sprachgebrauchs eine Klage wegen Verbreitung von Obszönität nach sich. Brillante und ungewöhnliche Verfilmung eines Gedichtes, seiner Entstehung und Rezeption. Künstlerisch, menschlich und gesellschaftlich wertvoll. Cineclub-Filmtipp!
[Film bewerten]
Allen Ginsberg (James Franco) beim Schreiben seines Gedichts 'Howl'.
Inhalt:
Am siebten Oktober 1955 trägt ein junger, unbekannter Poet bei einer öffentlichen Lesung in der Six Gallery in San Francisco ein klagendes, gesellschaftskritisches Gedicht vor. Er trägt es mit Inbrunst vor und die Reaktionen des Publikums sind stark. Das Gedicht heißt 'Howl' und der Dichter Allen Ginsberg (James Franco) wird später zum bekanntesten Beat-Poeten.
Ein Grund dafür ist die Klage gegen seinen Verleger Lawrence Ferlinghetti (Andrew Rogers) wegen Verbreitung von Obszönität. Staatsanwalt Ralph McIntosh (David Strathairn) stößt sich am groben Sprachgebrauch in 'Howl'. Richter Clayton Horn (Bob Balaban) muss darüber entscheiden, ob Kunst auch sexuelle Eindeutigkeiten zum Ausdruck bringen darf.
Mark Schorer (Treat Williams) sagt im Obszönitätsprozess aus. Richter ist Clayton Horn (Bob Balaban).
Kritik:
"Howl" ist ein vielschichtiger Film, der im Laufe seiner 90 Minuten emotional immer dichter und eindringlicher wird. Mehrere, gut getrennte Handlungsebenen erzählen parallel, aber nicht chronologisch von Ginsbergs Inspiration für das Gedicht sowie dessen Rezeption. Auch wenn die filmische Adaption nicht so unkonventionell ist, wie die beiden vielfach ausgezeichneten Autoren und Regisseure Rob Epstein (Oscar für "The Times of Harvey Milk") und Jeffrey Friedman ("The Celluloid Closet") darstellen, ist "Howl" ein anspruchsvolles und mitreißendes Stück Film geworden.
Die Gerichtsverhandlung ist recht konventionell dargestellt (nach dem Originalprotokoll), sorgt jedoch wegen ihrer Absurdität für gute Komik. Heutzutage, über 50 Jahre später, sind längst die letzten Hemmungen gefallen (siehe Sexual- und Fäkalhumor in Klamotten wie "Verrückt nach Mary" oder "American Pie"). In amerikanischen Filmen fällt zwar laufend das F-Wort (weil es Alltagssprache abzubilden versucht), dennoch pflegen die Amerikaner noch immer ihre Doppelmoral. Darum wirkt diese Diskussion über Sprache und Sexualität in "Howl" gleichzeitig antiquiert (insbesondere für Europäer) wie auch weiterhin aktuell.
Ginsberg mit seinem Langzeitpartner Peter Orlovsky (links, Aaron Tveit).
Obgleich die Gerichtsverhandlung über den künstlerischen Wert von 'Howl' schon einiges hergibt, vermitteln die dargestellten Etappen von Ginsbergs Leben und die Bekenntnisse in Interviewform weitaus mehr Tiefe. Seine bescheidene Lebenssituation, der Kontakt zu seinem Freund, der Beat-Ikone Jack Kerouac, sowie die Auseinandersetzung mit seiner Homosexualität helfen dem Gedichtsverständnis. Aber viel wichtiger war Ginsbergs Aufenthalt in der Geschlossenen, wo er Carl Solomon kennen lernte, dem 'Howl' gewidmet ist.
Das Kernstück des Films ist allerdings der Vortrag des Gedichts selbst. James Franco ("Spider-Man", "Milk") imitiert Ginsbergs Sprachduktus sehr gut. Die Nachstellung der Six-Gallery-Lesung von 'Howl' ist zum einen Teil realfilmisch umgesetzt und verdeutlicht die spontanen Reaktionen des Publikums. Für den Filmzuschauer wesentlich hilfreicher sind jedoch die mit Animationen unterlegten Gedichtsstücke. Diese bringen das Gefühl des Gedichts zum Ausdruck. Allerdings sind diese Darstellungen etwas spirituell verklärt und wirken nicht besonders authentisch für die Beat-Generation, obwohl Graphiker Eric Drooker damals Mitarbeiter von Ginsberg war. Aber bei einem Gedicht hat jeder Leser wohl andere Bilder im Kopf – ein Problem einer jeden Literaturverfilmung.
Ihr habt diesen Film auch
gesehen? Dann könnt ihr ihn hier bewerten! Weiterempfehlen:
Staatsanwalt Ralph McIntosh (David Strathairn) findet, dass 'Howl' Schund ist und verboten gehört.
Hintergrund:
"Howl" war der Eröffnungsfilm des Sundance Filmfestivals und offizieller Wettbewerbsfilm der Berlinale 2010.