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Dolphins |
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31.08.2000: |
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| Genre: | Anspruch |
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| Regie: | Farhad Yawari | |||||||||||
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| Inhalt
& Kritik: von DJMK |
Der Theologe Paul
Tillich hat einst gesagt: "Neurose ist eine Methode, das Nicht - Sein zu meiden,
indem man das Sein meidet" (1962) Ob Farhad Yawari, der Regisseur, Autor und Produzent, dieses Zitat vor Augen hatte, kann man beim besten Willen nur mutmaßen, es läge aber auf Grund der klaren Eindrücke und Bilder nahe. Blau. Kühles Nass blendender Reinheit, das sich brechende
Licht, welches schillernd von der Oberfläche die Tiefen illuminiert und ein sanftes
Farbenspiel innerer Wellen auf die Körper zweier Wesen legt. Tanzend in den Wassermassen,
spielend beieinander, ein Delphin mit einem Menschen. Eine junge, nackte Frau umkreist den
Körper des friedlichen Säugers an ihrer Seite, tanzt mit ihm voller Anmut und krümmt
sich geborgen in Embryohaltung in des Meeres Arme. Der Klang von Frieden und Ruhe.
Abtauchen zum Beginn allen Lebens, sich fangen in den blauen Wogen des Meeres, umspült von den Wassern der Freiheit mit einem Freund an der Seite: So oder so ähnlich könnte man wohl die ersten Bilder des extrem anspruchsvollen Werkes "Dolphins" begleitend formulieren. Die überaus gelungene Mischung aus Ton und Bild, insbesondere von Geräuschen und Melodien, als Metaphern genutzt, in Harmonie vereint, könnte von jedermann verstanden werden, versuchte man nur die Wirkung zu erfahren. Die fehlenden Dialoge, die in der Stille zugleich Tiefe und simplifizierte Gedanken ausdrücken, sind jedoch nicht jedermanns Sache. "Dolphins" erzählt die Geschichte eines traumatisierten Mädchens; gefangen in einer Psychiatrischen Klinik und mehr noch in ihrer eigenen Welt, versucht Lara einen Weg in die Welt um sich herum zu finden. Dabei hilft vor allem ihre unglaubliche Gabe, Bilder und Situationen zu imaginieren. Ihr Alltag berührt sie, wie für extrem traumatisierte Personen üblich, kaum. Die Geräusche aus der Außenwelt dringen nicht an sie heran, die Aktionen in ihrem Umfeld bleiben, sofern es sie nicht selbst betrifft, ungeachtet. Das Einzige, was sie am Leben hält, sind die Freiheit in ihrem Geist und ein Goldfisch in einem Glas. Der Fisch steht in gewisser Weise für sie selbst, für ihre Situation und ist ebenso die Verbindung zu ihrem gedanklichen Bild von einem Delphin im Meer, mit dem sie schwimmen und unbefangen existieren kann. Gefangen in einem Glas, in einer ihr fremden und kontrollierten Welt, in gehemmten Bewegungen und einer aparten Abhängigkeit, spiegelt er zweifelsohne die Trauer in ihrem Inneren, ihr eigenes gebrochenes Herz wieder.
Der aufmerksame Betrachter wird eine Fülle von subtilen Informationen feststellen können, die zum Verstehen von Laras Charakter wie ihrer Situation beitragen. Der gesamte Film wird im eigentlichen Sinne aus Laras Sicht geschildert. Aufgelöst in drei wesentliche Farbformen, werden ihre abgeschirmten Eindrücke zum Ausdruck gebracht. Die nüchterne Welt der Klinik, in welcher sie sich klein, verlassen, einsam und hilflos vorkommt, in der alle Menschen gegen sie sind, diese Welt wird durch klinisch steriles Weiß dargestellt. Die übrigen Patienten berühren sie kaum. Und dennoch, in ihrer Welt der Farben, des Wassers und der Wellen, bezieht sie jeden anderen mit ein. Ihre Träume fließen zwischen der Menschenwelt, in warmem sonnigen Goldgelb und dem tiefem Blau der grenzenlosen Freiheit der Meere hin und her. Kaum sieht Lara Wasser, und sei es nur ein Tropfen des lebenspendenden Elixiers, so beschäftigt sie sich nur noch mit ihren auf diesem beruhenden, inneren Eindrücken, tanzt um dieses Symbol und bezieht ihre Außenwelt mit ein. Selbst die vermeintlich so gemeine und harte Oberschwester (Annette Kreft), kann sich dem Bann ihrer Imaginationen nicht entziehen und lässt sich - hingerissen von dem Moment - selbst zu einem Objekt der geschaffenen Realität machen. In faszinierender Detailtiefe skizziert "Dolphin" die einzelnen Ebenen von Laras Imagination: Dämmern unter der Wirkung der Beruhigungsmittel, lichte Momente, sich Aufgeben in einen Traum, sich Verlieren in Gedanken, um den Gefahren zu entfliehen.
Die Pfleger sehen in Laras Verhalten, der Verweigerung von Nahrungsaufnahme und jeglicher Kommunikation mit Pflegern und dem behandelnden Arzt, eine ernsthafte Gefahr für sich sowie für die anderen Patienten der Klinik. Einzig und allein der junge Pfleger Jakob (Marco Hofschneider) lässt sich - freien Willens - auf die Gedanken der jungen Frau ein, ist fasziniert von ihrer kleinen heilen Welt. Er gibt sich Mühe, Lara zu verstehen, er erkennt ihre Wünsche und hilft ihr, ihre Welt noch realer zu gestalten, als ihre Phantasie es so schon zulässt. Jakob baut ein Vertrauensverhältnis zu Lara auf, ohne Zwang und Druck, einzig und allein über Verständnis, das ihr von keiner anderen Seite zugestanden wird. Mit so einfachen Dingen wie einer Zeichnung vom Meer, einer Muschel, in der das Rauschen des Meeres zu hören ist, baut er eine Beziehung zu ihr auf, in der stumme Blicke mehr sagen als tausend Worte. Langsam verlässt sie ihre katatonische Abgeschiedenheit und nimmt ihre Umgebung mit graduell zunehmender Stärke wahr (zum ersten Mal erfasst Lara den Klang eines Wassertropfens). Interessante Ansätze sind die Einflüsse von Laras Person
und Gedanken auf die sie umgebenden Patienten, die jede von ihr aufgebrachte Assoziation
am eigenen Leibe mitbekommen. Sie hören die in Laras Geist entstandenen Melodien genau so
wie das Rauschen des Meeres. Bis zum Ende, ihrer imaginisierten Flucht aus der Anstalt,
formt Lara ihre Ängste um und transportiert den Schmerz von sich weg. |
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| Hintergrund: | Neurose: Im traditionellen Sprachgebrauch stand Neurose für eine psychische Störung, bei der es Symptome wie Phobien oder Zwänge gibt, die ineffektive Angstbewältigungsversuche des Individuums darstellen. Die neurotische Person weist ein Muster aus Selbstbehinderung und unangemessenen Bewältigungsstrategien auf, das mehr auf die Reduzierung der Angst, als auf die Lösung von Lebensproblemen gerichtet ist. Dadurch zeigt sie anderen Menschen, dass sie angesichts einer bedrohlichen Welt machtlos ist. Es gibt keine klare Trennungslinie zwischen neurotischen und normalen Menschen. Der Unterschied ist lediglich graduell. Neurotische Verhaltensmuster variieren beträchtlich, haben aber den Mechanismus zur Begrenzung der Angst gemeinsam. Er besteht in der Vermeidung der direkten Konfrontation mit der Angstursache und in der Unfähigkeit, irgendwelche anderen Möglichkeiten des Umgangs mit dem Problem auch nur in Betracht zu ziehen. Diejenigen, die unter den hohen Kosten eines neurotischen Lebensstiels leiden, betrachten die Probleme des Lebens als "Sackgassen" und sehen keine Alternativen für ihre Lebensweise. Sie leben wie in einem Gefängnis, für welches die Psyche sowohl Wärter als auch Gefangener ist. Einige Formen
psychischer Störungen durch Veränderungen des Dopamin-Systems und pathologische
Veränderung der Gehirnstruktur bewirken eine Art "Gleichschaltung" der
Gehirnmuster. So könnte der Theorie nach eine Form der erweiterten Wahrnehmung, ähnlich
den sensorischen Instinkten von Tieren, eintreten im Film wurde dieses durch
telepatische Suggestion in das Geschehen integriert. |
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